
Ratgeber
Bayerns Volksfeste stammen aus zwei Wurzeln: dem kirchlichen Weihefest und dem Marktrecht. Der Weg führt von der Dorfkirchweih über die Dult und die Leistungsschau des 19. Jahrhunderts bis zur heutigen Wiesn.
Am Anfang steht kein Bierzelt, sondern ein Weihetag. Die Kirchweih erinnert an den Tag, an dem ein Gotteshaus geweiht wurde. Sie war ursprünglich ein Fest der einzelnen Pfarrei, gebunden an das eigene Kirchengebäude und damit an ein Datum, das jedes Dorf für sich hatte. Zum Gottesdienst kamen Verwandtenbesuch, Tanz, ein besseres Essen und ein Markt vor der Kirchentür.
Dieser Markt ist der zweite Strang, aus dem das bayerische Volksfest gewachsen ist. Wo viele Menschen an einem festen Tag zusammenkamen, lohnte sich der Handel. Händler und Handwerker richteten Stände auf, später kamen Gaukler und Schausteller dazu. Das kirchliche Fest lieferte den Termin, das Marktrecht lieferte den wirtschaftlichen Rahmen.
Genau diese Verbindung erklärt, warum viele bayerische Feste bis heute Namen tragen, die auf Kirche und Markt verweisen: Kirchweih, Kirta, Dult, Mess. Der religiöse Kern ist über die Jahrhunderte in den Hintergrund getreten, die Struktur des Festes ist geblieben.
Weil jede Kirche ihren eigenen Weihetag hatte, gab es in einer Region über Wochen hinweg fast durchgehend irgendwo Kirchweih. Man ging zur Kirchweih des Nachbardorfs, dann zur übernächsten. Für Obrigkeit und Kirche wurde das zum Problem: zu viele arbeitsfreie Tage, zu viel Alkohol, zu wenig Kontrolle.
Die Antwort war die sogenannte Allerweltskirchweih, ein gemeinsamer Termin am dritten Sonntag im Oktober, der bis heute in weiten Teilen Bayerns gilt. Die Zusammenlegung war kein einzelner Federstrich, sondern ein Vorgang über mehrere Jahre. Belegt sind ein Gesetz der königlich-bayerischen Staatsregierung von 1853, das Tanzveranstaltungen an Kirchweihfesten und Markttagen einschränkte und den Kreisregierungen die Zusammenlegung ermöglichte, ein Vorstoß des Bischöflichen Ordinariats Eichstätt von 1856 und ein päpstliches Indult, das 1868 in Mittelfranken durch Regierungserlass umgesetzt wurde. Verbreitet wird als Jahr der Zusammenlegung 1866 genannt.
Der Widerstand in der Bevölkerung war anfangs erheblich. Vielerorts hielt man die alte Pfarrkirchweih zusätzlich weiter, so dass es bis heute Orte mit zwei Kirchweihterminen gibt.
Das Wort Dult ist alt. Es hat eine gotische Entsprechung, dulþs, und bezeichnete zunächst ein Fest, später konkret ein Kirchenfest. Die Verkaufsstände, die zu Ehren eines Heiligen rund um die Kirche aufgebaut wurden, gaben dem Wort mit der Zeit eine neue Bedeutung: Jahrmarkt. Wer heute auf die Dult geht, geht auf einen Markt, nicht in die Kirche.
Am bekanntesten ist die Auer Dult in München. Die erste Dult der Stadt, die Jakobidult, wurde 1310 am Anger abgehalten, dem heutigen Sankt-Jakobs-Platz. 1796 verlieh Kurfürst Karl Theodor dem damals noch selbständigen Dorf Au das Recht, zweimal jährlich eine Dult abzuhalten. 1799 begannen die ersten Mai- und Oktoberdulten rund um die Wallfahrtskirche Mariahilf, daher der Name. Mit der Eingemeindung der Au kam die Dult 1854 zu München, und 1905 wurde auch die Jakobidult an den Mariahilfplatz verlegt. Seither gibt es das Dulten-Trio aus Mai-, Jakobi- und Kirchweihdult.
Die Dulten in Niederbayern und der Oberpfalz zeigen besonders deutlich, dass am Anfang ein herrschaftliches Privileg stand. In Landshut geht die Bartlmädult auf die Gründung des Stadtteils Freyung im Jahr 1338 zurück. Herzog Heinrich XIV. stiftete den Bürgern einen Jahrmarkt, der um den Bartholomäustag am 24. August herum stattfinden sollte, jeweils acht Tage davor und acht Tage danach. Gefeiert wird seit 1339. Ihren heutigen Platz auf der Grieserwiese hat die Landshuter Dult seit 1949.
In Regensburg liegt der Ursprung im benachbarten Stadtamhof, das 1389 vom bayerischen Herzog ein Privileg für einen Wochenmarkt und zwei Jahrmärkte erhielt, um sich nach Kriegszerstörungen wirtschaftlich zu erholen. Die beiden innerstädtischen Regensburger Dulten wurden zwischen 1871 und 1875 aufgehoben, nach der Eingemeindung Stadtamhofs erließ der Stadtrat 1924 eine neue Dultordnung. 1972 zog die Dult wegen Kanalbauarbeiten auf ihr heutiges Gelände.
Am 17. Oktober 1810 heiratete Kronprinz Ludwig Therese von Sachsen-Hildburghausen. Zu den Feierlichkeiten veranstaltete die Münchner Nationalgarde ein Pferderennen auf der Wiese vor der Stadt, die später nach der Braut Theresienwiese genannt wurde. Andreas von Dall'Armi, Major der Bürgerwehr, beantragte beim König die Wiederholung. Max I. Joseph stimmte zu, und seit 1811 wird das Fest jährlich abgehalten.
Entscheidend für den weiteren Weg ist, was 1811 dazukam. Der Landwirtschaftliche Verein in Bayern übernahm von 1811 bis 1818 die Einladung zum Oktoberfest und richtete neben dem Pferderennen Viehmärkte und Preisvergaben für Nutztiere aus. Daraus wurde das Zentral-Landwirtschaftsfest, die erste Agrarausstellung im deutschsprachigen Raum. Oktoberfest und Landwirtschaftsfest teilen sich seither die Theresienwiese, das ZLF findet heute im Vierjahresrhythmus statt.
Das Oktoberfest war also von Anfang an zwei Dinge zugleich: Vergnügen und Leistungsschau. Auf dem ZLF wurden 1864 Versuche zum Kartoffelanbau nach Justus von Liebig gezeigt, 1877 erstmals die Sojabohne vorgeführt.
Das Muster wiederholte sich zwei Jahre später in Niederbayern. 1812 genehmigte König Maximilian I. Joseph ein landwirtschaftliches Fest für den Unterdonaukreis in Straubing. Aus diesem agrarischen Zweck ist das Gäubodenvolksfest geworden, heute nach dem Oktoberfest das zweitgrößte Volksfest Bayerns.
Der Name verweist auf die Landschaft: Der Gäuboden ist das flache, sehr fruchtbare Lössland südlich der Donau. Ein Fest, das die Erträge dieser Böden vorführen sollte, hatte hier seinen sachlichen Grund. Die Ostbayernschau als Ausstellungsteil des Volksfests ist der direkte Nachfahre dieser Idee.
Nicht jedes bayerische Volksfest stammt aus der königlichen Agrarpolitik des 19. Jahrhunderts. Die Erlanger Bergkirchweih geht auf einen Ratsbeschluss vom 21. April 1755 zurück, den Pfingstmarkt von der Altstadt auf den Burgberg zu verlegen. Dort lagen die Felsenkeller, in denen Bier vor der Kältetechnik mit Natureis kühl gehalten wurde. Die Bergkirchweih ist damit 55 Jahre älter als das Oktoberfest und wird als ältestes Bierfest der Welt bezeichnet; sie steht im bayerischen Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes.
Die Nördlinger Mess' reicht noch weiter zurück. Sie wird 1219 im sogenannten Großen Freiheitsbrief erwähnt. König Wenzel gewährte 1398 Marktprivilegien, Kaiser Sigismund bestätigte sie 1434. Vom überregionalen Handelsplatz des Spätmittelalters blieb im 19. Jahrhundert ein Jahrmarkt, aus dem das heutige zehntägige Volksfest wurde.
Das Kaufbeurer Tänzelfest versteht sich als ältestes historisches Kinderfest Bayerns. Die verbreitete Erzählung, Kaiser Maximilian I. habe es 1497 gestiftet, ist örtliche Überlieferung ohne urkundlichen Beleg. Belegt ist der Tänzeltag erstmals 1557 in den Ratsprotokollen, 1566 mit dem Zusatz, es werde so gehalten wie von alters her; als Schul- und Kinderfest ist es seit 1658 belegt. Der Memminger Fischertag, das gemeinsame Ausfischen des Stadtbachs vor dessen Reinigung, lässt sich bis 1597 zurückverfolgen; der Fischertagsverein wurde 1900 gegründet, seit 2022 dürfen auch Frauen in den Bach.
Im Lauf des 19. Jahrhunderts verschob sich das Gewicht. Die Prämierung von Zuchtvieh und die Vorführung neuer Geräte blieben, aber sie zogen weniger Menschen an als das, was daneben entstand. Schaustellerbuden, Karussells und Schaubuden wurden zur eigentlichen Attraktion. Auf dem Oktoberfest trat ab 1869 das Zaubertheater von Michael August Schichtl auf, dessen Nachfolger bis heute auf der Wiesn stehen.
Zwei technische Neuerungen veränderten den Charakter der Feste grundlegend. Erstens die Dampfmaschine, die Karussells größer, schneller und lauter machte und die Fahrgeschäfte vom Muskelkraftbetrieb löste. Zweitens das elektrische Licht: 1885 installierte die Firma J. Einstein & Cie. die ersten 16 Bogenlampen auf der Theresienwiese und ersetzte damit die Gasbeleuchtung. Damit wurde der Abend zur Hauptzeit des Volksfests.
Parallel wuchs das Bier vom Getränk zum Bauwerk. Aus einzelnen Bierbuden wurden ab 1896 große Bierhallen, errichtet von Wirten gemeinsam mit den Brauereien. 1887 zog der Metzger und Kraftmensch Steyrer Hans mit geschmückten Bierwagen auf die Wiesn und begründete damit den Einzug der Wiesnwirte, der heute jedes Jahr das Fest eröffnet.
Die Geschichte der bayerischen Volksfeste ist auch eine Geschichte der ausgefallenen Jahre. Für das Oktoberfest lässt sich das lückenlos nachvollziehen. Es fiel aus 1813 wegen der Napoleonischen Kriege, 1854 und 1873 wegen Choleraepidemien in München, 1866 wegen des Krieges zwischen Preußen und Österreich, 1870 wegen des Deutsch-Französischen Krieges, 1914 bis 1918 im Ersten Weltkrieg, 1923 und 1924 wegen der Inflation und 1939 bis 1945 im Zweiten Weltkrieg. Von 1946 bis 1948 gab es nur ein kleines Herbstfest.
Die Cholera von 1854 traf München besonders hart. Auch andere Feste blieben nicht verschont: Die Auer Dult fiel von 1943 bis 1946 kriegsbedingt aus. Wiederaufnahmen folgten regelmäßig binnen weniger Jahre, oft in kleinerem Rahmen und mit deutlich reduziertem Angebot.
2020 und 2021 fielen die bayerischen Volksfeste flächendeckend aus, vom Oktoberfest über das Gäubodenvolksfest bis zur Auer Dult. Es war der längste Ausfall seit dem Zweiten Weltkrieg. Für die Schaustellerbetriebe, die überwiegend als Familienbetriebe geführt werden, bedeutete das zwei Jahre ohne Umsatz bei laufenden Kosten für Fahrgeschäfte, Zugmaschinen und Stellplätze.
2022 kehrten die Feste zurück, das Oktoberfest ohne Zugangsbeschränkungen, die Auer Dult wieder im gewohnten Dreierrhythmus. Verändert hat sich weniger das Fest selbst als sein Unterbau: Sicherheitskonzepte, Zutrittssteuerung und Kapazitätsplanung sind seither fester Bestandteil der Genehmigungen.
Für die Dichte an Volksfesten in Bayern gibt es mehrere handfeste Gründe. Der erste ist die Brauereilandschaft. 2024 gab es in Deutschland 1.459 Brauereien, davon 598 in Bayern, also rund 41 Prozent, mit der höchsten Dichte in Oberfranken. Wo viele kleine Brauereien mit lokaler Kundschaft arbeiten, gibt es auch viele Anlässe, an denen sie ausschenken.
Der zweite Grund ist rechtlicher Natur. Die kleinteilige Herrschaftsstruktur des alten Bayern hat über Jahrhunderte Markt- und Jahrmarktsprivilegien an sehr viele Orte verteilt. Diese Rechte wurden zu Traditionen, die auch dann weiterliefen, als der Handelszweck längst entfallen war.
Der dritte Grund ist die Vereinsstruktur. Volksfeste in Bayern werden selten allein von einer Kommune getragen, sondern von Trachten-, Schützen-, Burschen- und Musikvereinen. Diese Struktur bekam um 1900 ihren entscheidenden Schub durch die Trachtenbewegung. Der erste Trachtenverein entstand 1883 in Bayrischzell auf Betreiben des Lehrers Josef Vogl, 1895 fand in München das erste Historisch-Bayerische Volkstrachtenfest statt; 1925 zählte der erste Dachverband 303 Vereine mit 19.135 Mitgliedern.
Was heute als typisch bayerisches Volksfestbild gilt, ist damit jünger als die Feste selbst. Die Kirchweih ist mittelalterlich, das Marktrecht spätmittelalterlich, der landwirtschaftliche Zweck stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert, Fahrgeschäfte und Bierzelte aus dem späten 19. Jahrhundert, die Tracht im heutigen Sinn aus der Zeit um 1900. Das Volksfest ist keine ungebrochene Überlieferung, sondern eine Schichtung.
Eindeutig lässt sich das nicht beantworten, weil es auf die Zählweise ankommt. Die Nördlinger Mess' geht auf eine Erwähnung von 1219 zurück, die Auer Dult in München auf 1310, die Landshuter Bartlmädult auf eine Stiftung von 1338. Die Erlanger Bergkirchweih von 1755 gilt als ältestes Bierfest der Welt, ist als Volksfest aber jünger als die genannten Märkte.
Ursprünglich hatte jede Kirche ihren eigenen Weihetag, was zu wochenlang aufeinanderfolgenden Festen führte. Weltliche und kirchliche Obrigkeit legten die Termine deshalb im 19. Jahrhundert auf einen gemeinsamen Sonntag zusammen, die sogenannte Allerweltskirchweih. Belegt sind Schritte 1853, 1856 und 1868, verbreitet wird 1866 als Jahr der Zusammenlegung genannt.
Dult geht auf ein altes germanisches Wort für Fest zurück, im Gotischen entspricht ihm dulþs. Gemeint war zunächst ein kirchliches Fest, an dem rund um die Kirche Verkaufsstände aufgebaut wurden. Im Lauf der Zeit verschob sich die Bedeutung auf den Markt selbst, heute bezeichnet Dult einen Jahrmarkt.
Zur Hochzeit von Kronprinz Ludwig und Therese von Sachsen-Hildburghausen veranstaltete die Münchner Nationalgarde am 17. Oktober 1810 ein Pferderennen. Auf Antrag von Major Andreas von Dall'Armi genehmigte König Max I. Joseph die Wiederholung, seit 1811 findet es jährlich statt. Im selben Jahr kam das landwirtschaftliche Fest dazu, aus dem das Zentral-Landwirtschaftsfest wurde.
Ausgefallen ist es 1813, 1854, 1866, 1870, 1873, 1914 bis 1918, 1923 und 1924, 1939 bis 1945 sowie 2020 und 2021. Gründe waren Kriege, zwei Choleraepidemien, die Inflation und zuletzt die Corona-Pandemie. Von 1946 bis 1948 gab es nur ein kleines Herbstfest.
Drei Faktoren wirken zusammen: die hohe Brauereidichte mit 598 von bundesweit 1.459 Brauereien im Jahr 2024, die historisch breit gestreuten Markt- und Jahrmarktsprivilegien, und die Vereinsstruktur aus Trachten-, Schützen- und Musikvereinen. Letztere geht wesentlich auf die Trachtenbewegung ab 1883 zurück.
Bild oben: Amrei-Marie · CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons