
Ratgeber
Vier Wörter für scheinbar dasselbe. In Bayern meinen sie tatsächlich Verschiedenes – und wer die Herkunft kennt, versteht auch, warum die Termine liegen, wie sie liegen.
Kirchweih ist der Ursprung: das Fest zur Weihe der Ortskirche, im Altbayerischen Kirta genannt, in Franken Kerwa. Die Dult kommt vom Markt, nicht von der Kirche – sie war ein Jahrmarkt mit obrigkeitlich verliehenem Marktrecht. Das Volksfest ist die jüngste Form: eine landwirtschaftliche Leistungsschau des 19. Jahrhunderts, aus der Bierzelt und Fahrgeschäfte wurden. In diesem Kalender stehen alle vier Formen nebeneinander, weil sie sich im Alltag längst vermischt haben – wer die Herkunft kennt, versteht trotzdem, warum ein Fest ausgerechnet an seinem Termin liegt.
Jede Kirche hatte einst einen eigenen Weihetag, und der wurde jährlich als Pfarrfest gefeiert – mit Gottesdienst, Verwandtenbesuch, einem besseren Essen und einem kleinen Markt vor der Kirchentür. Die jährliche Wiederholung solcher Kirchweihfeiern reicht bis in die Spätantike zurück; im frühen Mittelalter forderte die Kirche zudem dazu auf, ältere heidnische Opferbräuche in christliche Kirchweihmähler umzuwandeln, was den Feiern zusätzlich Zulauf verschaffte. Weil in dicht besiedelten Gegenden praktisch jedes Wochenende irgendwo Kirchweih war und Handwerker wie Gesinde tagelang von der Arbeit fernblieb, wurde aus dem Fest der einzelnen Pfarrei mit der Zeit ein Problem für die Obrigkeit.
Weil kaum noch gearbeitet wurde, wenn in der halben Gegend ständig irgendwo Kirchweih gefeiert wurde, legten die bayerischen Bistümer und Erzbistümer die vielen einzelnen Termine 1866 auf einen gemeinsamen Sonntag zusammen, die sogenannte Allerweltskirchweih. Kirche und weltliche Obrigkeit zogen dabei an einem Strang: Jedes Dorf sollte weiter seinen Kirchweihsonntag feiern dürfen, aber nicht mehr ständig durch das Fest der Nachbargemeinde abgelenkt werden. In Bayern setzte sich dafür der dritte Sonntag im Oktober durch, der bis heute als kirchlicher Kirchweihtag gilt – auch wenn viele weltliche Feste längst eigene Termine haben.
In Franken hat sich die eigenständige Dorfkirchweih unter dem Namen Kerwa oder Kärwa gehalten, unabhängig vom vereinheitlichten Oktobertermin. Ein Kerwaboum und ein Kerwamadli aus dem Ort organisieren die Feier wochenlang im Voraus; meist am Samstagnachmittag wird der Kerwabaum aufgestellt – eine bis zu 30 Meter lange, entastete und entrindete Fichte, die mit Holzstützen, den sogenannten Schwalben, senkrecht aufgerichtet und im Ort verankert wird. Bis zum Morgen wird der Baum bewacht, damit ihn keine Burschen aus dem Nachbarort anschneiden oder umlegen – das gilt als Schande für den ganzen Ort.
Beim Betzentanz hängt ein Wecker am Kirchweihbaum, während die Paare im Kreis tanzen; wessen Paar beim Klingeln in der markierten Fläche steht, gewinnt ein geschmücktes Schaf – den namensgebenden Betz, ein altes Wort für Hammel. Am Kirchweihmontag um Mitternacht bindet jeder Kerwaboum seinem Mädchen das rote Kärwatüchla um den Hals, danach ist die Kerwa offiziell zu Ende. Manche Orte rahmen das Fest zusätzlich mit dem Kerwaausgraben am Donnerstag oder Freitag davor und dem Kirchweihbegraben am Dienstag danach – einem augenzwinkernden Ritual, das die Kerwa symbolisch aus dem Boden holt und wieder verabschiedet.
Dieselbe Kirchweih heißt je nach Region anders: Altbayern sagt Kirta, die Oberpfalz Kirwa, Unterfranken Kerm, Mittel- und Oberfranken Kerwa oder Kärwa. Alle Formen gehen auf dieselbe Wurzel zurück, das Wort Kirch(en)weih, nur die jeweilige Mundart hat es unterschiedlich abgeschliffen. Wo der eigenständige Dorftermin überlebt hat – vor allem in Franken und der Oberpfalz –, ist der alte Name mit seinen eigenen Bräuchen lebendig geblieben; wo die Allerweltskirchweih den gemeinsamen Oktobertermin durchsetzte, wurde daraus meist ein schlichtes Kirchweihfest ohne eigenen Mundartnamen.
Dult ist ein altes Wort für Jahrmarkt und geht auf das gotische dulþs für Fest zurück; belegt ist es bereits im 8. Jahrhundert. Entscheidend für den heutigen Sinn war aber nicht die Kirche, sondern das Marktrecht: Der Landesherr erlaubte einer Stadt, an bestimmten Tagen im Jahr Handel zu treiben, oft anlässlich eines kirchlichen Termins. Bei der Münchner Auer Dult sieht man das bis heute – dort stehen Geschirrstände, Trödel und Haushaltswaren neben den Fahrgeschäften, und die Dult ist immer noch vor allem ein Markt. Bei den Dulten in Landshut, Regensburg oder Passau ist der Volksfestteil längst größer als der Marktteil, der alte Name aber geblieben.
München bekam seine erste Dult 1310 als Jakobidult auf dem Anger, dem heutigen Sankt-Jakobs-Platz; die heutige Auer Dult mit ihren drei Terminen im Jahr geht auf ein Marktrecht von 1796 für den damals noch selbstständigen Ort Au zurück, seit 1905 finden Maidult, Jakobidult und Kirchweihdult regelmäßig statt. Landshut erhielt sein Marktrecht 1338 mit der Gründung des Stadtteils Freyung; ein Jahr später stiftete Herzog Heinrich XIV. den Jahrmarkt um den Bartholomäustag, aus dem die heutige Bartlmädult in Niederbayern wurde. Der damals eigenständige Ort Stadtamhof bei Regensburg bekam 1389 vom bayerischen Herzog ein Privileg für einen Wochenmarkt und zwei Jahrmärkte, aus denen sich die heutige Regensburger Maidult und Herbstdult in der Oberpfalz entwickelten. Die Passauer Dult reicht noch weiter zurück: Die Herbstdult wird bereits 1164 erstmals erwähnt, die Maidult kam 1666 dazu.
Das Oktoberfest begann 1810 als Pferderennen zur Hochzeit des bayerischen Kronprinzen, das Gäubodenvolksfest 1812 als landwirtschaftliches Fest für den Unterdonaukreis. Der Zweck war Fortschritt, nicht Vergnügen: Vieh, Geräte und Saatgut sollten gezeigt und prämiert werden, um die Landwirtschaft nach den Napoleonischen Kriegen und den Hungerjahren davor zu modernisieren. Bierzelt, Fahrgeschäfte und Rummel kamen erst im Lauf des 19. Jahrhunderts dazu und verdrängten mit der Zeit den ursprünglichen landwirtschaftlichen Zweck – aus der Leistungsschau wurde ein Familienfest mit landwirtschaftlichem Restbestand. Anders als bei Dult und Kirchweih steht beim Wort Volksfest deshalb nie ein Heiligentag oder ein Marktrecht am Ursprung, sondern eine amtliche Anordnung zur Förderung von Landwirtschaft und Gewerbe – ein Unterschied, der bis heute in den Kategorien dieses Kalenders steckt.
Bei zwei Festen ist der alte Zweck noch sichtbar. Beim Karpfhamer Fest in Bad Griesbach findet mit der Rottalschau eine der größten Landtechnikausstellungen Süddeutschlands statt, mit Tierschau und Prämierung von Zuchtvieh. Beim Gäubodenvolksfest in Straubing zeigt die Ostbayernschau bis heute Landtechnik, Tierzucht und regionales Handwerk parallel zum Festzelt- und Fahrgeschäftbetrieb. Beide Feste belegen, dass Volksfest und Landwirtschaftsausstellung ursprünglich ein und dasselbe waren – erst später hat sich der Rummel als eigenständiger, größerer Teil dazugesellt.
Je nach Stadt hat sich für das Volksfest ein eigener Name gehalten, der oft älter ist als das heutige Fest. Plärrer bezeichnete ursprünglich einen freien Platz vor der Stadtmauer, auf dem konzessionsfreier Handel möglich war – erhalten geblieben ist der Name unter anderem in Nürnberg, Bamberg, Kaufbeuren und beim Augsburger Plärrer, wo eine volkstümliche Umdeutung zum "Geplärre" der Marktschreier dazukam. Wiesn ist schlicht die Kurzform von Theresienwiese, dem Gelände, auf dem seit 1810 das Oktoberfest steht. Mess' – wie bei der Nördlinger Mess', erstmals 1219 erwähnt – geht auf die mittelalterliche Fernhandelsmesse zurück, aus der erst später ein reines Volksfest wurde. Ein Freischießen war ursprünglich ein Schützenfest, bei dem sich der beste Schütze der Sage nach für ein Jahr von Abgaben freischießen konnte; das Wettschießen ist bei vielen Schützenfesten bis heute Kern des Programms. Der Gillamoos in Abensberg, an seinem heutigen Standort seit 1583 gefeiert und damit einer der ältesten Jahrmärkte Bayerns, verballhornt den Namen der Kapelle St. Gilg am Moos, die einst Ziel einer Ägidius-Wallfahrt war. Bis heute gehört zum Gillamoos-Montag der "Politische Gillamoos" mit Reden bekannter Politiker – ein Beispiel dafür, wie aus einem ursprünglich kirchlichen Wallfahrtstermin über Jahrhunderte ein Fest mit ganz eigenem, weltlichem Charakter wurde.
Weil fast jedes bayerische Fest seinen Termin aus seiner kirchlichen oder marktrechtlichen Herkunft ableitet und nicht aus dem Kalender. Die Bartlmädult liegt um den Bartholomäustag am 24. August, das Gäubodenvolksfest um Mariä Himmelfahrt, die Erlanger Bergkirchweih beginnt am Donnerstag vor Pfingsten. Deshalb steht bei jedem Fest in diesem Kalender die Terminregel – aus ihr lässt sich der Termin für kommende Jahre ableiten, lange bevor der Veranstalter ihn offiziell bestätigt. Mehr dazu im Ratgeber, wie die Termine bayerischer Volksfeste entstehen; für Weihnachtsmärkte und Almabtriebe gelten eigene Terminlogiken, die sich am Advent beziehungsweise am Bergwetter statt am Kirchenjahr orientieren.
Im Kern nicht, auch wenn sich beides heute stark ähnelt. Eine Dult geht auf ein verliehenes Marktrecht zurück und war ursprünglich ein Warenmarkt, ein Volksfest auf eine landwirtschaftliche Leistungsschau des 19. Jahrhunderts. Bei der Auer Dult in München ist der Marktcharakter mit Geschirr- und Trödelständen bis heute deutlich zu sehen, bei den meisten anderen Dulten dominiert längst der Volksfestteil mit Bierzelt und Fahrgeschäften.
Kirta ist die altbayerische Form von Kirchweih, dem Fest zur Weihe der Ortskirche. In Franken heißt dasselbe Fest Kerwa oder Kärwa, in der Oberpfalz Kirwa, in Unterfranken Kerm – alle Wörter gehen auf dieselbe Wurzel zurück, nur die Mundart hat sie unterschiedlich verändert.
Die Allerweltskirchweih ist der 1866 eingeführte gemeinsame Termin am dritten Sonntag im Oktober, auf den viele einzelne Dorf-Kirchweihen zusammengelegt wurden. Die Kerwa ist die eigenständige fränkische Dorfkirchweih, die diesen gemeinsamen Termin in vielen Orten nie übernommen hat und stattdessen ihren eigenen Termin und ihre eigenen Bräuche behalten hat, etwa den Betzentanz oder das Kerwaausgraben.
Kerwaausgraben eröffnet die Kirchweih symbolisch am Donnerstag oder Freitag davor, Kirchweihbegraben beendet sie am Dienstag danach – beides sind augenzwinkernde Rituale, die das Fest bildlich aus dem Boden holen und wieder verabschieden, ohne dass ein tatsächlicher Gegenstand vergraben wird.
Wiesn ist die bayerische Kurzform von Theresienwiese, dem Gelände in München, auf dem das Oktoberfest seit seiner ersten Ausrichtung 1810 stattfindet. Der Name bezeichnet also den Ort, nicht das Fest selbst – ähnlich wie Plärrer ursprünglich einen Platz und keine Veranstaltung meinte.
An seinem heutigen Standort wird der Gillamoos in Abensberg seit 1583 gefeiert, was ihn zum ältesten durchgehend am selben Ort abgehaltenen Jahrmarkt Bayerns macht. Ältere Wurzeln als Kirchen- oder Marktfest haben aber die Nördlinger Mess' (1219) oder die Passauer Herbstdult (1164) – welches Fest als "ältestes" gilt, hängt also davon ab, ob Standort, Marktrecht oder erste Erwähnung zählt.
Freischießen war ursprünglich der Name für ein Schützenfest, bei dem sich der Sieger der Sage nach für ein Jahr von Steuern und Abgaben freischießen konnte. Der Name hat sich vielerorts für das Schützenfest samt Festzelt und Rummel gehalten, auch wenn die Steuerbefreiung längst Geschichte ist.
Bild oben: Amrei-Marie · CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons