Tracht auf dem Volksfest

Ratgeber

Bräuche auf dem bayerischen Volksfest

Fast jedes bayerische Volksfest folgt demselben Ablauf aus Einzug, Anstich, Böllerschüssen und Festzug. Dieser Überblick erklärt Herkunft und heutige Praxis der wichtigsten Rituale.

Warum jedes Volksfest demselben Muster folgt

Ob Oktoberfest, Gäubodenvolksfest oder Dorfkirchweih: Der Ablauf ähnelt sich überall. Das liegt an zwei Wurzeln, die in Bayern zusammengewachsen sind. Die eine ist die Kirchweih, das Fest zum Weihetag der Ortskirche. Weil jedes Dorf an einem anderen Tag feierte und die Leute von Fest zu Fest wanderten, legten die bayerischen Diözesen einen einheitlichen Termin fest: den dritten Sonntag im Oktober, im Volksmund Allerweltskirchweih.

Die andere Wurzel ist das städtische Volksfest nach dem Vorbild des Oktoberfests von 1810, das als Pferderennen und Feier zur Hochzeit des Kronprinzen Ludwig mit Therese von Sachsen-Hildburghausen begann. Schützen waren schon damals dabei.

Aus beiden Linien stammt das feste Gerüst, das man heute überall wiedererkennt: ein Einzug, ein Anstich, Böllerschüsse, ein Gottesdienst, ein Festzug, ein Baum, Wettbewerbe und ein Abschluss mit Musik.

Der Einzug der Festwirte

Der Einzug geht auf den Münchner Metzger und Wirt Hans Steyrer (1849 bis 1906) zurück, den sogenannten Bayerischen Herkules. Er fuhr mit festlich geschmückten Pferdewagen zu seiner Bude auf der Theresienwiese, um für sein Bier zu werben. Bei einem dieser Aufzüge griff die Polizei ein und löste den Zug auf; überliefert ist ein Bußgeld von 100 Mark. Steyrer wiederholte die Fahrt im Jahr darauf, andere Wirte machten es nach.

Ein gemeinsamer, abgestimmter Einzug mehrerer Wirte ist erstmals für 1925 belegt. Ab 1936 war die Teilnahme für Wirte und Brauereien verbindlich. 1956 spannte Xaver Heilmannseder erstmals sechs Pferde vor seinen Wagen, was zum Standard der Münchner Brauereien wurde.

Heute startet der Zug am ersten Wiesn-Samstag gegen 10.35 Uhr in der Josephspitalstraße und führt zur Wirtsbudenstraße. Rund 1.000 Teilnehmer sind dabei: Wirtsfamilien, Bedienungen, Musikkapellen, Schausteller und Marktkaufleute. An der Spitze reitet das Münchner Kindl, dahinter fährt der Oberbürgermeister in der Kutsche des Schottenhamel-Zelts, wo um zwölf Uhr angestochen wird.

Der Anstich und die zwölf Böllerschüsse

Dass der Oberbürgermeister das erste Fass ansticht, ist keine alte Tradition. Sie beginnt am 16. September 1950 mit Thomas Wimmer. Der Überlieferung nach war es Zufall: Wimmer hatte beim Einzug seine Kutsche verpasst, der Wirt Michael Schottenhamel nahm ihn mit und fragte ihn im Zelt spontan, ob er das Fass anschlagen wolle. Seither ist der Anstich fester Bestandteil, jeweils am ersten Samstag nach dem 15. September um zwölf Uhr.

Die Zahl der Schläge wird seither mitgezählt. Den Negativrekord hält Wimmer selbst mit 19 Schlägen im Jahr 1950. Die Bestmarke liegt bei zwei Schlägen, erreicht von Christian Ude und von Dieter Reiter. Ude kommt mit 20 Anstichen auf die meisten Wiederholungen.

Auf den Ruf O'zapft is folgen zwölf Böllerschüsse. Der Brauch stammt aus der Zeit vor elektronischer Verständigung: Die Schüsse waren das hörbare Signal für alle anderen Zelte, dass jetzt ausgeschenkt werden darf. Vor dem Anstich bleiben die Krüge dort leer. Auf kleineren Volksfesten übernimmt dieselbe Rolle der Bürgermeister oder Landrat, oft mit ein bis zwei Böllerschüssen statt zwölf.

Böllerschützen und Standkonzert

Das Böllern ist deutlich älter als das Oktoberfest; schriftliche Belege reichen bis ins späte 15. Jahrhundert zurück. Es ist bis heute Vereinssache: In Bayern pflegen über 700 Vereine mit rund 10.000 aktiven Mitgliedern den Brauch. Geböllert wird nicht frei Hand. Böllerschießen fällt unter das Sprengstoffrecht, nötig sind Sachkunde, Zuverlässigkeit und persönliche Eignung; das bayerische Umweltministerium gibt dazu ein eigenes Handbuch mit Sicherheitsempfehlungen heraus.

Das musikalische Gegenstück ist das Standkonzert. Auf der Wiesn spielen am zweiten Festsonntag von 11 bis 13 Uhr rund 300 Musiker der großen Zeltkapellen gemeinsam zu Füßen der Bavaria, dazu kommen Trachten- und Schuhplattlergruppen. Am Ende steht die Bayernhymne. Anders als der Anstich ist dieses Konzert jung: Es geht auf eine Initiative des damaligen Wiesn-Sprechers Willy Heide im Jahr 1985 zurück. Auf Landvolksfesten heißt das Gegenstück meist Platz- oder Standkonzert der örtlichen Blaskapellen, häufig am Sonntagvormittag nach dem Gottesdienst.

Trachten- und Schützenzug

Der große Umzug am ersten Festsonntag hat einen konkreten Anlass: 1835 zog man zu Ehren der Silbernen Hochzeit von König Ludwig I. und Therese von Bayern über die Theresienwiese. Danach blieb der Zug lange eine Ausnahme, belegt sind unter anderem die Jahre 1842, 1895, 1910 und 1935. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde daraus eine jährliche Einrichtung; die Quellen nennen dafür 1948 beziehungsweise 1950. Seit 1956 organisiert der Festring München den Zug.

Heute ist er rund sieben Kilometer lang. Etwa 8.700 bis 9.500 Teilnehmer in rund 50 Zuggruppen gehen um zehn Uhr am Max-II-Denkmal in der Maximilianstraße los und ziehen über Odeonsplatz, Feldherrnhalle, Karlsplatz und Sonnenstraße zur Theresienwiese.

Im Zug laufen Trachtenvereine, Gebirgsschützen- und Sportschützenkompanien, Fahnenschwinger, Musikkapellen, historische Fuhrwerke der Brauereien sowie Gruppen aus Österreich, der Schweiz und Südtirol. Das Muster wiederholt sich landesweit: Fast jedes größere Volksfest hat seinen eigenen Trachten- oder Heimatfestzug am ersten Sonntag.

Kirchweihbaum, Kärwaboum und Betzentanz

Auf dem Land steht statt des Festzelts oft ein Baum im Mittelpunkt. Die Kärwaburschen fällen am Kirchweihsamstag einen 25 bis 30 Meter hohen Nadelbaum, entasten ihn bis auf den Wipfel und schmücken ihn mit Kranz und bunten Bändern. Aufgestellt wird er mit hölzernen Stützen, den sogenannten Schwalben; das dauert gut drei Stunden. Anschließend halten die Burschen Nachtwache, damit Gruppen aus Nachbarorten den Baum nicht umlegen oder stehlen. Regional heißt er Kirwabaum in der Oberpfalz oder Kerwaficht'n in Franken; anders als der oberbayerische Maibaum bleibt der Stamm meist ungeschält.

Der Ablauf einer fränkischen Kärwa reicht von Donnerstag bis Montag: Einholen des Baums und Antrinken, Aufstellen und Tanz, am Samstag Ständchen der Blaskapelle von Haus zu Haus und die humorvolle Kirchweihpredigt über das Dorfjahr, am Sonntag der Gottesdienst des Vereins.

Am Sonntagnachmittag folgt das Betzen austanzen: Paare tanzen um den Baum, ein Strauß wandert von Paar zu Paar, und wer ihn hält, wenn die Musik unvermittelt aufhört, gewinnt. Dazu kommen je nach Ort Hahnenschlag, das Kärwatüchla am Montagabend, das Bärentreiben in der Oberpfalz oder das Kärwa-Ausgraben, bei dem ein Umzug ein vergrabenes Bierfass suchen muss und erst nach zwei falschen Fässern fündig wird.

Kraftproben: Fingerhakeln, Steinheben, Maßkrugstemmen

Die Wettbewerbe auf Volksfesten stammen aus dem Wirtshaus. Beim Fingerhakeln legen zwei Gegner den Mittelfinger in einen Lederriemen über einem am Boden verankerten Tisch. Auf das Kommando Zieht wird gezogen, gewonnen hat, wer den anderen über die Mittellinie zieht; zwei Niederlagen bedeuten das Turnieraus. Gekämpft wird in Gewichtsklassen, die auftretenden Kräfte erreichen bis zu 200 Kilogramm. Die Deutsche Meisterschaft findet in Mittenwald statt, 2023 mit 163 Teilnehmern und 440 Einzelkämpfen.

Beim Steinheben wird ein Gewicht mit Griff auf mindestens einen Meter Höhe gezogen; das Startgewicht von 254 Kilogramm bezieht sich auf die Kraftproben von Hans Steyrer.

Das Maßkrugstemmen ist die jüngste und einfachste Disziplin: Ein Drei-Liter-Steinkrug mit Wasser wiegt etwa fünf Kilogramm und muss mit gestrecktem Arm gehalten werden. Sinkt der Arm unter die Markierung, ist Schluss. Einheitliche Regelwerke gibt es hier nicht, jedes Fest legt seine eigenen fest.

Der letzte Tag: Kehraus, Böller und Feuerwerk

Der Abschluss ist auf der Wiesn ebenso festgelegt wie der Anfang. Um zwölf Uhr treten am letzten Sonntag rund 60 Böllerschützen in Tracht auf den Stufen unter der Bavaria an. Die Schüsse folgen einem festen Ablauf, dazwischen werden die Schützenkönige des Oktoberfest-Landesschießens geehrt, eine Blaskapelle begleitet, am Ende steht die Bayernhymne.

Am Abend gehen in den Zelten die Wunderkerzen an, die Kapellen spielen Abschiedslieder, und der Satz „Aus is und gar is und schad is, dass' wahr is" beendet das Fest. Auf vielen anderen bayerischen Volksfesten übernimmt ein Abschlussfeuerwerk diese Rolle. Allerdings verzichten inzwischen einzelne Städte aus Kosten- und Umweltgründen darauf oder ersetzen es durch Lichtshows.

Auf der Kirchweih endet das Fest am Montag mit der Leich, dem Begraben der Kärwa: einem inszenierten Trauerzug mit Grabrede auf das vergangene Fest.

Was die Bräuche heute tragen

Hinter fast jedem dieser Rituale steht ein Verein, kein Veranstalter. Trachtenvereine stellen die Zuggruppen, Schützen- und Böllervereine die Salutschüsse, Musikkapellen die Ständchen, Burschenschaften den Baum. Der Bayerische Trachtenverband, dessen Vorgänger 1925 mit 303 Vereinen gegründet wurde, umfasst heute 22 Gauverbände mit rund 165.000 Mitgliedern, dazu kommen etwa 100.000 in der Trachtenjugend.

Diese Struktur erklärt, warum die Bräuche trotz Tourismus vergleichsweise stabil bleiben: Sie sind an Vereinsjahre, Ämter und Nachwuchsarbeit gebunden, nicht an Programmentscheidungen. Gleichzeitig sind sie beweglich. Einige Programmpunkte finden nicht mehr überall statt, andere sind jung, etwa das Standkonzert seit 1985.

Wie weit die Linie zurückreicht, zeigt die Fürther Michaeliskirchweih: Sie steht mit rund 900 Jahren Geschichte im bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes. Für Besucher ist der praktische Nutzen einfach: Wer den Ablauf kennt, weiß, wann sich das frühe Aufstehen lohnt, nämlich am Einzugssamstag, am Zugsonntag und beim Böllern am Schlusstag.

Häufige Fragen

Warum wird beim Anstich mitgezählt, wie viele Schläge der Oberbürgermeister braucht?

Weil die Zahl seit 1950 überliefert wird und den Vergleich zwischen den Amtsträgern erlaubt. Thomas Wimmer brauchte beim ersten Anstich 19 Schläge, was bis heute der Negativrekord ist. Die Bestmarke liegt bei zwei Schlägen und wurde von Christian Ude und Dieter Reiter mehrfach erreicht.

Wozu dienen die zwölf Böllerschüsse nach dem Anstich?

Sie sind das Startsignal für den Ausschank in allen übrigen Festzelten. Der Brauch stammt aus der Zeit vor elektronischer Verständigung, als sich die Nachricht anders nicht schnell genug verbreiten ließ. Vor dem Anstich wird in den anderen Zelten kein Bier ausgeschenkt.

Seit wann gibt es den Einzug der Festwirte?

Den Anstoß gab der Münchner Wirt Hans Steyrer im späten 19. Jahrhundert, der mit geschmückten Pferdewagen zu seiner Bude fuhr und dabei zunächst von der Polizei gestoppt wurde. Ein gemeinsamer Einzug mehrerer Wirte ist erstmals für 1925 belegt, ab 1936 war die Teilnahme verbindlich.

Was ist der Unterschied zwischen Maibaum und Kirchweihbaum?

Der Kirchweihbaum wird zur Kirchweih aufgestellt und bleibt meist ungeschält, geschmückt nur mit Kranz, Bändern und Wipfel. Der oberbayerische Maibaum ist geschält, bemalt und trägt Zunftzeichen. Gemeinsam ist beiden die Bewachung gegen Diebstahl durch Nachbarorte.

Was bedeutet Kärwa begraben?

Es ist der inszenierte Abschluss einer fränkischen Kirchweih, meist am Montag. Die Kärwaburschen veranstalten einen Trauerzug mit Grabrede auf das vergangene Fest. Das Gegenstück ist mancherorts das Kärwa-Ausgraben zu Beginn, bei dem ein vergrabenes Bierfass gesucht wird.

Warum feiern viele bayerische Orte am dritten Oktobersonntag Kirchweih?

Weil die bayerischen Diözesen im 19. Jahrhundert einen einheitlichen Termin festlegten, die sogenannte Allerweltskirchweih. Zuvor feierte jeder Ort am eigenen Weihetag, was zu wochenlangen Festketten und Arbeitsausfällen führte. Manche Orte behielten daneben ihren ursprünglichen Termin bei.

Bild oben: Nicolas Vollmer from Munich [Allemagne] · CC BY 2.0 · Wikimedia Commons